Weibliche Genitalbeschneidung (Female Genital Mutilation and Cutting, FGM/C) ist ein weltweites Menschenrechtsproblem, das auch in Europa und im deutschsprachigen Raum zunehmend medizinisch relevant wird. Neben den bekannten körperlichen und psychischen Folgen wirkt sich FGM/C häufig tiefgreifend auf den Beckenboden aus – mit Konsequenzen für Kontinenz, Sexualität, Geburt und Lebensqualität. Die Physiotherapie, insbesondere die Beckenbodenphysiotherapie, kann hier eine wichtige unterstützende Rolle einnehmen.
Was ist FGM/C?
FGM/C umfasst verschiedene Praktiken, bei denen äussere weibliche Genitalien teilweise oder vollständig entfernt oder verletzt werden. Die Weltgesundheitsorganisation unterscheidet vier Typen, von der partiellen Entfernung der Klitoris bis hin zur Infibulation (starke Verengung der Vaginalöffnung). Die Eingriffe erfolgen meist ohne medizinische Indikation und häufig im Kindesalter.
Auswirkungen von FGM/C auf den Beckenboden
Der Beckenboden ist ein komplexes Zusammenspiel aus Muskeln, Faszien und Nerven. Durch FGM/C kann dieses System auf unterschiedliche Weise beeinträchtigt werden:
- Chronische Muskelverspannungen durch Schmerz, Narbengewebe und Schutzspannung
- Narben und Verklebungen, welche die Elastizität des Gewebes einschränken
- Störungen der Blasen- und Darmfunktion, z.B. Schmerzen beim Wasserlassen oder Inkontinenz
- Schmerzen beim Geschlechtsverkehr (Dyspareunie)
- Erschwerte gynäkologische Untersuchungen und Geburten
- Veränderte Körperwahrnehmung und gestörtes Beckenbodenempfinden
Viele Betroffene entwickeln unbewusst einen dauerhaft erhöhten Muskeltonus im Beckenboden, was Beschwerden langfristig verstärken kann.
Die Rolle der Physiotherapie
Die Beckenbodenphysiotherapie kann Betroffene nach FGM/C ganzheitlich unterstützen – immer vorausgesetzt, sie erfolgt traumasensibel, freiwillig und in enger Absprache mit der Patientin.
Mögliche physiotherapeutische Schwerpunkte sind:
- Schmerzlinderung und Entspannung des Beckenbodens
- Atemtherapie, um Druck und Spannung im Beckenraum zu regulieren
- Sanfte manuelle Techniken zur Mobilisation von Narben (nur mit expliziter Zustimmung)
- Wahrnehmungsschulung und Förderung eines positiven Körpergefühls
- Funktionelles Training, z.B. für Kontinenz oder zur Geburtsvorbereitung
- Aufklärung über Anatomie und Zusammenhänge – stärkend und enttabuisierend
Wichtig ist dabei: Nicht jede Therapie muss vaginal erfolgen. Externe Techniken, Arbeit über Atmung, Haltung und Bewegung sind oft ein guter Einstieg.
Traumasensibler Ansatz – unverzichtbar
Viele Frauen mit FGM/C haben traumatische Erfahrungen gemacht. Physiotherapeut*innen sollten daher:
- jeden Schritt erklären und Einverständnis einholen
- Grenzen jederzeit respektieren
- ausreichend Zeit einplanen
- kulturelle Hintergründe berücksichtigen
- interdisziplinär mit Ärzt*innen, Hebammen und Psychotherapeut*innen zusammenarbeiten
Schon allein das Gefühl von Kontrolle und Selbstbestimmung kann einen therapeutischen Effekt haben.
Fazit
FGM/C betrifft nicht nur die äusseren Genitalien, sondern häufig auch den Beckenboden – mit weitreichenden Folgen für Gesundheit und Wohlbefinden. Die Beckenbodenphysiotherapie kann einen wertvollen Beitrag leisten, um Schmerzen zu lindern, Funktionen zu verbessern und Frauen in ihrer Selbstwahrnehmung zu stärken. Voraussetzung dafür ist Fachwissen, Empathie und ein traumasensibler Blick auf jede einzelne Patientin.
Physiotherapie kann nicht ungeschehen machen, was passiert ist – aber sie kann helfen, den eigenen Körper Schritt für Schritt wieder als sicheren Ort zu erleben.