Ann, welche Aufgabe hast du bei FGMhelp?
Als Fachleiterin führe ich einerseits Beratungen von Betroffenen, Bedrohten sowie Angehörigen durch und berate auch Fachpersonen. Andererseits mache ich Schulungen zum Thema FGM/C bei Fachpersonen, vor allem aus dem Gesundheits- und Sozialwesen. Dazu gehört auch die Netzwerkarbeit im Kanton Zürich zum Thema FGM/C und Frauengesundheit. Zudem kommuniziere ich gegenüber der Öffentlichkeit und den Medien.
Wie bist du zur Beratung im Bereich FGM/C gekommen? Gab es einen Schlüsselmoment oder eine persönliche Motivation?
Durch meine ursprüngliche Ausbildung zur Fachfrau Gesundheit und meine Tätigkeit in der Geburtshilfe war mir das Thema Frauengesundheit bereits vertraut. Zu meiner Beratungstätigkeit im Bereich FGM/C bin ich dann über die Arbeit mit Frauen und Familien aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten gekommen. Im beruflichen Alltag wurde mir zunehmend bewusst, welche weitreichenden gesundheitlichen, psychischen und sozialen Folgen FGM/C für Betroffene haben kann. Gleichzeitig habe ich festgestellt, dass viele Frauen nur wenige Anlaufstellen kennen und oft Hemmungen haben, über ihre Erfahrungen zu sprechen.
Gibt es Ausbildungen oder persönliche Erfahrungen, die dir in deiner Arbeit besonders helfen?
Durch mein Studium in Sozialer Arbeit bringe ich eine wichtige Grundlage für meine Tätigkeit bei FGMhelp mit. Dort habe ich gelernt, Menschen in belastenden Lebenssituationen professionell zu begleiten, ihre Ressourcen zu stärken und komplexe soziale Zusammenhänge zu verstehen. Besonders wertvoll sind für mich die Kenntnisse in Gesprächsführung, Beratung und kultursensibler Arbeit. Darüber hinaus helfen mir meine praktischen Erfahrungen in der psychosozialen Beratung. In der Arbeit mit Menschen aus unterschiedlichen Lebenswelten habe ich gelernt, aufmerksam zuzuhören, Vertrauen aufzubauen und auch schwierige Themen respektvoll anzusprechen. Gerade im Bereich FGM/C ist es wichtig, Betroffenen mit Offenheit, Empathie und Fachwissen zu begegnen. Ich habe zusätzlich einen CAS in Sexueller Gesundheit an der Universität Bern besucht, welcher mein Wissen zu sexueller Gesundheit, sexuellen Rechten und kultursensibler Beratung vertieft hat.
Was hat dich an diesem Arbeitsfeld fasziniert oder berührt?
Mich hat an diesem Arbeitsfeld besonders berührt, wie viel Stärke und Resilienz die betroffenen Frauen trotz oft sehr belastender Erfahrungen mitbringen. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass FGM/C nicht nur gesundheitliche Folgen hat, sondern auch eng mit Themen wie Identität, Familie, Migration, Kultur und den sexuellen Rechten von Frauen verbunden ist. Beeindruckt hat mich auch das Vertrauen, das Betroffene in den Beratungsgesprächen entgegenbringen. Es ist sehr bereichernd, Frauen auf ihrem Weg zu begleiten und zu erleben, wie sie ihre eigenen Ressourcen entdecken und gestärkt Entscheidungen für sich und ihre Zukunft treffen können.
Mit welchen Anliegen kommen Betroffene und Angehörige am häufigsten zu dir?
Betroffene Frauen wenden sich oft mit Fragen zu den gesundheitlichen, psychischen oder sexuellen Folgen von FGM/C an mich. Viele suchen Informationen zu medizinischen Behandlungsmöglichkeiten, wünschen sich Unterstützung bei Beschwerden oder haben das Bedürfnis, über ihre Erfahrungen in einem geschützten Rahmen zu sprechen. Angehörige kommen mit Fragen zur Prävention und zum Umgang mit dem Thema innerhalb der Familie. Eltern möchten beispielsweise wissen, wie sie ihre Töchter schützen können. Auch Fachpersonen melden sich bei FGMhelp und fragen nach Informationen, um Betroffene angemessen begleiten und unterstützen zu können oder um Verdachtsfälle einzuordnen.
Was ist dir besonders wichtig, wenn du Menschen in oft sehr belastenden Situationen begleitest?
Mir ist wichtig, Menschen mit Respekt, Wertschätzung und ohne Vorurteile zu begegnen. Viele Betroffene haben belastende Erfahrungen gemacht und benötigen einen geschützten Raum, in dem sie über ihre Anliegen sprechen können, ohne bewertet zu werden. Dabei steht für mich die Selbstbestimmung im Mittelpunkt. Jede Person entscheidet selbst, welche Schritte sie gehen möchte und welche Unterstützung für sie hilfreich ist.
Deine Arbeit verlangt viel Empathie, gleichzeitig braucht es aber auch professionelle Distanz. Fällt es dir leicht, hier eine Balance zu finden?
Ich denke, beides gehört zusammen: Empathie und Professionalität. Mir ist es wichtig, den Menschen aufmerksam zuzuhören, ihre Gefühle ernst zu nehmen und ihnen mit echtem Interesse zu begegnen. Gerade bei sensiblen Themen wie FGM/C braucht es Vertrauen und eine wertschätzende Haltung. Gleichzeitig achte ich darauf, eine professionelle Rolle einzunehmen. Das bedeutet, die Anliegen der Betroffenen fachlich und ressourcenorientiert zu begleiten. Meine Aufgabe ist es, Unterstützung anzubieten und Orientierung zu geben.
Gibt es eine Begegnung oder ein Erlebnis, das dir besonders in Erinnerung geblieben ist und dir gezeigt hat, wie wichtig deine Arbeit ist?
Es gibt viele Begegnungen, die mir in Erinnerung geblieben sind. Was mich besonders berührt, ist, wenn Frauen nach einem Beratungsgespräch sagen, dass sie sich zum ersten Mal verstanden, ernst genommen oder mit ihren Fragen nicht mehr allein fühlen.
Was sind aktuell die grössten Herausforderungen in der Beratung zu FGM/C?
Eine der grössten Herausforderungen ist, dass FGM/C für viele Betroffene ein sehr sensibles und oft tabuisiertes Thema ist. Es braucht Zeit, Vertrauen und einen geschützten Rahmen, damit Frauen über ihre Erfahrungen, Fragen oder Beschwerden sprechen können. Gleichzeitig ist es wichtig, die Betroffenen in ihrer individuellen Lebenssituation zu verstehen und kultursensibel zu arbeiten. Eine weitere Herausforderung ist, dass noch nicht überall genügend Wissen über FGM/C vorhanden ist. Deshalb gehören Sensibilisierung, Aufklärung und Vernetzung für mich genauso zur Arbeit wie die direkte Beratung. Das Ziel ist immer, Betroffene zu stärken und ihnen den Zugang zu den passenden Unterstützungsangeboten zu erleichtern.
Was wünschst du dir für die Zukunft – sowohl für die betroffenen Frauen als auch für den gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema?
Ich wünsche mir, dass alle von FGM/C betroffenen Frauen Zugang zu den Informationen, der medizinischen Versorgung und der psychosozialen Unterstützung erhalten, die sie benötigen. Noch wichtiger ist mir, dass sie die Möglichkeit haben, selbstbestimmt über ihren Körper, ihre Gesundheit und ihr Leben zu entscheiden und ihre Anliegen ohne Scham oder Angst ansprechen zu können. Für die Gesellschaft wünsche ich mir mehr Wissen und Sensibilität im Umgang mit dem Thema. FGM/C sollte weder tabuisiert noch stigmatisiert werden. Stattdessen braucht es einen respektvollen, kultursensiblen Dialog und gut informierte Fachpersonen, die Betroffene kompetent begleiten können. Zudem wünsche ich mir, dass Prävention, Aufklärung und Vernetzung weiterhin gestärkt werden. Je besser Fachstellen, Gesundheitswesen, Bildungsinstitutionen und soziale Dienste zusammenarbeiten, desto früher können Betroffene und Familien unterstützt werden. Ich wünsche mir eine Zukunft, in der Mädchen weltweit vor FGM/C geschützt sind und betroffene Frauen die Unterstützung, Anerkennung und Wertschätzung erhalten, die sie verdienen.