Weibliche Genitalbeschneidung – oder FGM/C – ist für viele Fachpersonen in der Schweiz kein alltägliches Gesprächsthema und doch eine Realität, der sie in ihrer Arbeit begegnen können. Gerade in der Pädiatrie treffen wir nicht nur auf betroffene Mädchen, sondern auch auf Familien, in denen das Thema unausgesprochen mitschwingt. Umso wichtiger ist ein Umgang, der sowohl fachlich fundiert als auch menschlich sensibel ist.
Komplexes soziales Phänomen
FGM/C bezeichnet Eingriffe an den weiblichen Genitalien, die nicht medizinisch begründet sind. Hinter dieser nüchternen Definition verbirgt sich jedoch weit mehr als ein medizinischer Eingriff: Es ist ein komplexes soziales Phänomen, tief verwurzelt in kulturellen Vorstellungen, Normen und Erwartungshaltungen. Für viele Familien geht es dabei nicht um bewusste Schädigung, sondern um Zugehörigkeit, Identität und Zukunftschancen ihrer Töchter. Themen wie Heiratsfähigkeit, Ehre oder soziale Anerkennung spielen eine zentrale Rolle – Aspekte, die aus westlicher Perspektive oft schwer nachvollziehbar sind.
Auch wenn FGM/C häufig mit bestimmten Regionen auf dem afrikanischen Kontinent oder dem Mittleren Osten assoziiert wird, ist das Thema längst in der Schweiz angekommen. Migration und Flucht führen dazu, dass Fachpersonen hierzulande zunehmend mit betroffenen oder gefährdeten Mädchen und Frauen arbeiten. Gleichzeitig bleibt FGM/C oft unsichtbar, weil es stark tabuisiert ist. Viele Betroffene sprechen nicht von sich aus darüber – sei es aus Scham, Loyalität gegenüber der Familie oder weil andere Belastungen im Alltag im Vordergrund stehen.
Gesamten Kontext mitdenken
Diese anderen Belastungen sind nicht zu unterschätzen. Viele Familien haben komplexe Migrationsgeschichten, die von Unsicherheit, Verlust oder traumatischen Erfahrungen geprägt sein können. FGM/C ist dann nur ein Teil eines vielschichtigen Erlebens. Für Fachpersonen bedeutet das, immer den gesamten Kontext mitzudenken und nicht vorschnell zu interpretieren. Was jemand erlebt hat und wie stark dies belastet, ist individuell sehr unterschiedlich.
Medizinisch kann FGM/C sowohl akute als auch langfristige Folgen haben – von Schmerzen und Infektionen bis hin zu chronischen Beschwerden oder psychischen Belastungen. Besonders im Kontext von Trauma spielt das Thema eine wichtige Rolle: Bestimmte Situationen, Untersuchungen oder Gespräche können Erinnerungen auslösen. Manche Betroffene reagieren dann mit Rückzug, Erstarrung oder starker innerer Anspannung. Solche Reaktionen zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren, gehört zu den zentralen Kompetenzen im Umgang mit FGM/C.
Offen und respektvoll darüber reden
Eine der grössten Herausforderungen liegt jedoch oft gar nicht in der Behandlung, sondern im Ansprechen des Themas. Wie spricht man über etwas, das mit so viel Scham und Tabu belegt ist? Hier zeigt sich, wie entscheidend Haltung und Sprache sind. Ein offenes, respektvolles Vorgehen – frei von Vorwürfen oder vorschnellen Annahmen – kann Türen öffnen. Es geht nicht darum, zu konfrontieren, sondern darum, Raum zu schaffen. Raum für das, was gesagt werden will – oder eben auch nicht.
Dabei hilft es, das Thema vorsichtig in einen grösseren Kontext einzubetten, etwa indem allgemein nach Gesundheitspraktiken oder Erfahrungen im Herkunftsland gefragt wird. Wichtig ist auch, anzuerkennen, dass FGM/C für manche Frauen eine ambivalente Bedeutung haben kann: etwas Schmerzhaftes, das gleichzeitig Teil der eigenen Identität ist.
Rechtliche Situation kommunizieren
Neben der Gesprächsführung spielt auch das Wissen um die rechtliche Situation eine Rolle. In der Schweiz ist FGM/C klar verboten – unabhängig davon, wo der Eingriff stattfindet (auch Beschneidungen, welche im Ausland durchgeführt wurden), welche Form er aufweist und ob das Mädchen oder die Frau Beschwerden hat. Für Fachpersonen bedeutet das eine doppelte Verantwortung: einerseits Schutz und Unterstützung zu bieten, andererseits bei Gefährdung aufmerksam zu sein. Dennoch sollte der Fokus in der Praxis in erster Linie auf der Versorgung und Begleitung der Betroffenen liegen und nicht auf strafrechtlichen Konsequenzen.
Was im Alltag oft den Unterschied macht, ist nicht die perfekte Intervention, sondern eine Haltung von Interesse, Respekt und Bereitschaft zum Zuhören. Fachpersonen müssen nicht alles wissen oder sofort richtig handeln – aber sie können sensibel hinschauen, Unsicherheiten aushalten und sich bei Bedarf Unterstützung holen.